Pflanzenvermehrung bedeutet, aus vorhandenen Pflanzen neue Exemplare zu gewinnen. Seit Jahrtausenden werden fast alle Kulturpflanzen so vermehrt. Grundsätzlich gibt es zwei Wege:
- Geschlechtliche Vermehrung: Die Anzucht aus Samen oder Sporen, bei der Erbgut von zwei Elternpflanzen zusammenkommt.
- Ungeschlechtliche (vegetative) Vermehrung: Neue Pflanzen entstehen aus Pflanzenteilen einer einzigen Mutterpflanze. Das Ergebnis ist genetisch identisch, also ein Klon.
Das Handbuch zur Vermehrung der Royal Horticultural Society ist das Standardwerk für beide Wege. Zimmerpflanzen werden meist vegetativ vermehrt. Das geht schneller, erhält Panaschierungen sowie Sortenmerkmale und funktioniert bei Zimmerpflanzen besonders zuverlässig.
Stängelstecklinge
Die beliebteste Methode. Du schneidest ein Stück Trieb von der Mutterpflanze ab und lässt es neue Wurzeln bilden. Der Schnitt muss mindestens einen Blattknoten enthalten. Das ist die kleine Verdickung am Stängel, an der ein Blatt ansetzt. Wurzeln wachsen aus diesen Knoten. Ein Steckling ohne Knoten bildet keine Wurzeln.
So machst du es:
- Schneide mit einer sauberen Schere oder einem Messer knapp unterhalb eines Blattknotens.
- Entferne die untersten Blätter, damit der Knoten frei liegt.
- Stelle den Steckling an einen hellen Ort ohne direkte Sonne in ein Glas Wasser oder stecke ihn direkt in feuchte Anzuchterde.
- Wechsle das Wasser wöchentlich, wenn du im Wasserglas bewurzelst.
- Sobald die Wurzeln 5 bis 8 cm lang sind, pflanzt du den Steckling in normale Erde.
Pflanzen, die leicht über Stängelstecklinge bewurzeln: Efeutute, Monstera deliciosa, Philodendron, Dreimasterblume, Buntnessel, Basilikum, Minze, Fuchsie, Hortensie, Weide. Die meisten tropischen Zimmerpflanzen in dieser Gruppe bilden im Wasser innerhalb von zwei bis vier Wochen Wurzeln.
Blattstecklinge
Manche Pflanzen können aus einem einzelnen Blatt oder Blattteil neue Triebe bilden. Am Blattansatz entsteht eine kleine Jungpflanze, die du später abtrennst und einpflanzt.
Pflanzen für Blattstecklinge: Bogenhanf (Dracaena trifasciata), Usambaraveilchen, Geldbaum (Crassula ovata), Königsbegonie (Begonia rex), Sukkulentenblätter (Echeveria, Kalanchoe). Das dauert etwas länger als bei Stängelstecklingen, oft zwei bis drei Monate bis zu einer eigenständigen Pflanze.
Teilen
Bei Pflanzen, die in Horsten oder Rosetten wachsen, teilst du den Wurzelballen vorsichtig mit den Händen oder einem Messer in zwei oder mehr Teile. Jeder Teil braucht eigene Wurzeln und Triebe. Das ist der schnellste Weg, weil die Teilstücke bereits eingewurzelt sind.
Pflanzen, die sich gut teilen lassen: Bogenhanf, Glücksfeder (Zamioculcas zamiifolia), Grünlilie, Einblatt, Farne, Ziergräser, Funkien, Taglilien. Der Frühling oder frühe Herbst eignet sich dafür am besten.
Abmoosen und Absenker
Hierbei regst du einen Trieb an, Wurzeln zu bilden, während er noch an der Mutterpflanze hängt. Erst wenn sich genügend Wurzeln gebildet haben, schneidest du den Trieb ab.
Bei Zimmerpflanzen ist das Abmoosen am praktischsten. Du ritzt den Stängel leicht ein, wickelst feuchtes Sphagnum-Moos und Folie darum und wartest, bis Wurzeln ins Moos wachsen. Danach schneidest du den Trieb unterhalb der neuen Wurzeln ab. Das klappt besonders gut, um kahl gewordene Geigenfeigen, Gummibäume und Monsteras zu verjüngen.
Samen
Die Anzucht aus Samen dauert am längsten und ist die einzige Methode, bei der neue genetische Kombinationen entstehen. Bei Zimmerpflanzen lohnt sich das vor allem für Samentütchen (Basilikum, Chili, Sukkulenten) oder wenn eine Blühpflanze keimfähige Samen gebildet hat.
Eine praktische Einschränkung: Viele beliebte Zimmerpflanzensorten (panaschierte Monsteras, spezielle Efeututen, gemusterte Calatheas) fallen aus Samen nicht sortenecht aus. Sämlinge bilden wieder die grüne Wildform. Bei solchen Pflanzen nutzt du besser Stecklinge oder teilst sie.
Der richtige Zeitpunkt
Die meisten Pflanzen aus gemässigten Zonen lassen sich am besten im Frühling und Frühsommer vermehren, wenn sie aktiv wachsen und Wachstumshormone bilden. Tropische Zimmerpflanzen sind unkomplizierter und bilden drinnen oft das ganze Jahr über Wurzeln, am schnellsten geht es auf der Nordhalbkugel jedoch von April bis August.
Im Winter solltest du auf das Vermehren eher verzichten, es sei denn, du kannst dem Steckling Bodenwärme und zusätzliches Licht bieten. Bei kühlen, dunklen Bedingungen faulen Stecklinge schneller, als sie Wurzeln bilden.
Häufige Fehler
- Zwischen den Knoten schneiden: Ohne Blattknoten kann ein Steckling keine Wurzeln bilden. Schneide immer knapp unterhalb eines Knotens.
- Zu viele Blätter: Grosse Stecklinge mit vielen Blättern verdunsten mehr Wasser, als sie aufnehmen können. Schneide grosse Blätter zur Hälfte ab, um die Verdunstung zu verringern.
- Direkte Sonne: In praller Sonne verbrennen Stecklinge, bevor sie anwurzeln können. Helles, indirektes Licht ist ideal.
- Trübes oder abgestandenes Wasser: Wechsle das Wasser wöchentlich. Trübes Wasser deutet auf Bakterien hin, die den Steckling faulen lassen.
- Im Wasser bewurzelte Stecklinge zu spät einpflanzen: Sobald die Wurzeln 5 bis 8 cm lang sind, ab in die Erde. Wasserwurzeln unterscheiden sich im Aufbau von Erdwurzeln, und Stecklinge tun sich nach Monaten im Wasser oft schwer mit der Umstellung.
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Quellen
- Royal Horticultural Society, "Propagation, advice and information." rhs.org.uk/propagation